Die „Wunderzahnbürste“ Amabrush – der Test.

Da liegt das Postpaket nun vor mir an einem Freitag Abend. Nach einer langen und arbeitsreichen Woche in unserer Zahnarztpraxis, etwas müde aber immer noch voller Tatendrang, möchte ich keinen weiteren Augenblick verlieren das „Ding des Jahres“ nun endlich auszuprobieren. Ich habe ja schließlich ein halbes Jahr seit September 2018 auf die 128,- Euro Zahnbürste gewartet.

Tatsächlich war die Amabrush in Fachkreisen schon bekannt, bevor die revolutionäre Zahnbürste an der Pro7-Sendung „Das Ding des Jahres 2018“ teilnahm. Denn Sie verspricht ein Meilenstein der Mundhygiene zu sein. Es klingt zu gut um wahr zu sein: strahlend saubere Zähne, ohne große Mühe und Geschick in nur 10 Sekunden Anwendung! Genial! Endlich ein Tool, das den ganz großen Durchbruch verspricht. Die Mundhygiene der Bevölkerung verbessert sich und weniger zahnärztliche Behandlungen sind notwendig.

Die Idee dahinter ist folgende: Ohne großes Geschick, platziert sich die Zahnbürste auf allen zugänglichen Zahnoberflächen und reinigt diese gleichzeitig 10 Sekunden lang. Denn putzt man vergleichsweise mit einer elektrischen Zahnbürste überdurchschnittliche 3 Minuten und gründlich, dann wird jede Zahnoberfläche bei 32  vorhandenen Zähnen (180s : 100 Flächen = 1,8s) 1,8 Sekunden gereinigt. Demnach müsste die Amabrush 5,5 mal so gründlich sein wie eine handelsübliche elektrische Zahnbürste.

Die Zahnbürste wird in einem schicken weißen Karton geliefert. Das Unboxing wird ähnlich wie bei Apple Produkten regelrecht zelebriert: Hier ein nettes Päckchen, dort zwei bestens verarbeitete Schlaufen zum Öffnen. Alles sauber angeordnet. Die Zahnbürste selbst ist unter einer Schutzfolie eingeschweißt. Diese abzuziehen, zaubert selbst Steve Jobs im Himmel noch ein Lächeln ins Gesicht. Es wird also alles dafür getan, den neuen Besitzer zu einem stolzen Eigentümer zu machen.

In der Verpackung sind zudem noch ein Willkommen-Schreiben mit Bedienungsanleitung, eine Induktionsladeschale und ein Drei-Monats-Vorrat an Zahnpasta enthalten. Von diesem wurde lediglich eine Geschmacksrichtung von Dreien ausprobiert. Die Zahnbürste selbst besteht aus einem Handstück mit zwei „Knöpfen“ an der Vorderseite und dem Mundstück, das man magnetisch ans Erstere andockt. Beide sind ausreichend gut unter fließend Wasser zu reinigen und gut verarbeitet.

Das relativ einfache Installationsprozedere ist nun folgendes: eine der drei mitgelieferten Zahnpasta-Patronen öffnen und in die Rückseite des Handstücks stecken. Anschließend mehrfach auf den oberen der zwei Knöpfe auf der Vorderseite drücken bis Zahnpaste aus den Austrittsöffnungen des Mundstückes austritt. Dies muss man nur beim ersten Mal mehrfach wiederholen, da die dünnflüssige Zahnpasta erstmals den ganzen Weg von der Patrone zum Mundstück gepumpt werden muss. Bei weiteren Anwendungen, soll laut Hersteller einmaliges Drücken pro Putzvorgang reichen. Dazu später mehr. Nun das leicht flexible Mundstück im Mund platzieren (passte von der Größe problemlos bei Mann und Frau) und mit leichten Biss die Zahnreihen hineingleiten lassen. Wichtig ist hierbei, dass man nicht dauerhaft zubeißt, sondern lediglich das Mundstück bestimmt aber lose zwischen den Zahnreihen platziert. Dann kann es losgehen, in dem man den unteren Knopf an der Handstück Vorderseite einmal betätigt. Es blinkt ein Licht und kurz danach beginnt der 10 sekündige Putzvorgang. Selbiger wird  automatisch beendet. Faszinierend dabei wie schnell 10 Sekunden vergehen können. Die Vibrationen und die Lautstärke der Reinigung sind etwas stärker als bei einer herkömmlichen elektrischen Zahnbürste und damit nicht unangenehm.

Und? Wie ist das Putzergebnis nach ca. 12 Stunden Plaque Ansammlung? Nun leider, SEHR ERNÜCHTERND! Um es genauer auszudrücken: sehr enttäuschend. Die Erwartung war, dass das Putzergebnis zumindest so gut ist, wie bei den beiden Marktführern elektrischer Zahnbürsten. Aber von dem deutlich spürbaren Zahnbelag nach einem langen Arbeitstag, war auch hinterher kaum eine Veränderung feststellbar. Um es klarzustellen, dieser Putzbericht hier erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Es wurden keine Plaquefärbetabletten verwendet. Es wurden keine Mundhygiene Indizes wie API und SBI erhoben.  Es wurden keine Resultate notiert und diese auch nicht statistisch gegenüber herkömmlichen elektrischen Zahnbürsten ausgewertet. Denn das war absolut nicht notwendig und auch nicht gewollt. Es ging um die Frage: strahlend, saubere Zähne in 10 Sekunden bei zahnärztlicher Anwendung? Ganz klar nein! Auf die ersten „echten“ wissenschaftlichen Auswertungen gegenüber den Marktführern ist zu warten. Aber nach eigener Einschätzung werden diese mehr als signifikant schlechter ausfallen als bei der Konkurrenz.

Aber warum ist das Ergebnis so enttäuschend? Liegt es an falscher Anwendung? Waren die Testbedingungen unfair? Beides ist klar mit nein zu beantworten. Aus zahnärztlicher Erfahrung und technischen Kenntnissen heraus, wurde nicht lange genug in die technische Entwicklung investiert. Die „Bürste“ besteht aus mehreren Reihen „Silikonborsten“, die schräg angeordnet sind. Zum einen könnten von diesen Borsten mehr vorhanden sein, die Borsten könnten dichter stehen um damit eine größere Reinigungswirkung erzielen. Zum anderen schwingen diese Silikon-Borsten einmal im Mund angelegt so gut wie nicht mehr. Aktiviert man die Reinigung stattdessen testweise ausserhalb des Mundes, kann man gut erkennen wie die einzelnen Silikonborsten mit der Vibration mitschwingen. Im Mund stattdessen sind die Borsten zu massiv und träge, dass diese beim Kontakt zur Zahnoberfläche quasi aufhören zu schwingen. Warum der Hersteller keine echten feinen Borsten entwickelt hat, lässt sich nur damit erklären, dass diese sich beim Anlegen der Bürste schneller abnutzen und früher ausgetauscht werden müssten, was wiederum bei der Größe des Mundstückes schnell ins Geld gehen würde.

Ein weiterer Kritikpunkt ist:  man hatte das subjektive Gefühl, dass nicht genug Zahnpasta im Mund sei. Ein schäumendes und damit reinigendes Gefühl kam nicht auf. Man hat das Bedürfnis nicht nur einmal sondern mehrmals auf den Zahnpasta „Pump-Knopf“ zu drücken. Nach mehrmaliger Anwendung war daher die erste Zahnpasta-Patrone schon halb leer. Es ist schleierhaft, wie die drei mitgelieferten Patronen drei Monate halten sollen. Sowohl aus ökologischer  als auch aus ökonomischer Sichtweise, sind diese Zahnpasta-Patronen kritisch zu betrachten. Sie sind recht massiv aus Kunststoff gefertigt und werden nach ihrem kurzen Leben einfach entsorgt. Kunststoff Müll Reduktion sieht heutzutage anders aus. Wie teuer diese Patronen in der Neuanschaffung sind, wurde nicht recherchiert. Aber die Preise für Drucker-Tintenpatronen lassen auch hier böses erahnen. Es ist eine weitere lukrative Einnahmequelle des Amabrush Herstellers, die Zahnpasta-Patronen exklusiv zu vertreiben. Normale Zahnpasta kann man leider nicht verwenden, diese war im Test zu träge und klebrig um überhaupt eine Reinigung zu erzielen. Es bleibt abzuwarten ob ein Fremdhersteller eine dünnflüssige Alternative aus der herkömmlichen Tube entwickelt. Dies würde Ressourcen und Geld sparen.

Das Fazit: Die Idee genial, die technische Umsetzung ungenügend: Im großen und ganzen erzeugt die Amabrush zunächst das „musst have“ Gefühl, um dann aber bei Ihrer eigentlichen Aufgaben massiv zu schwächeln. Der Zahnbürste könnte jedoch der ganz große Durchbruch noch bevorstehen, wenn die technische Entwicklung des Mundstücks, insbesondere der Borsten vorangetrieben wird. Zudem sollten Fremdanbieter dünnflüssige Zahnpasta entwickeln und anbieten um den Wahnsinn der Zahnpasta-Patronen zu umgehen.

Bleiben Sie gesund!

Ihr Dr. Rüdiger Aplas

 

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